Bestand Lippstadt schon in römischer Zeit?

Wie alt ist Lippstadt ?

 

Ein römisches Kastell an der Lippe zu vermuten ist nicht schwer. Archäologisch nachgewiesene Plätze der Römer an diesem Fluss, den die Römer "Lupias" nannten, finden sich in Dorsten/Holsterhausen, Haltern, Olfen, Beckinghausen, Oberaden und das am östlichsten gelegene Römerlager in Anreppen.

Für ein römisches Lippstadt gibt es dagegen keinen im herkömmlichen Sinne archäologischen Nachweis in Form von Münzen, Scherben oder gar Resten römischer Wälle. Es gibt Untersuchungen über die römische frühkaiserzeitliche Lippeschiffahrt[ 1 ], die eine Schiffbarkeit in begrenztem Umfang bis nach Anreppen vermuten lassen. Bei Lippstadt gab es zudem eine Furt, so daß dieser Ort sicherlich die Aufmerksamkeit der Römer auf sich gezogen haben mag. Im Süden liegt das Römerlager Kneblinghausen und im Norden gibt es einen römischen Wachtposten auf der Sparrenburger Egge. So ist Lippstadt also von römischen Fundplätzen umgeben. Die offizielle Geschichtsschreibung der Stadt setzt aber erst lange nach den Römern an.

 

Lippstadt war im 12.Jhd. Station auf mehreren wichtigen Handelsstraßen [ 2 ] wie z.B.:

  • Lippstadt-Wiedenbrück-Minden
  • Lippstadt-Beckum-Münster(Vresenewech/Friesenweg)
  • Lippstadt-Siegen-Meschede
  • Hellweg Dortmund-Soest-Lippstadt-Geseke-Paderborn (über Paderborn auch Anschluß an den Frankfurter Weg)

Wie alt diese Straßen sind ist zumeist ungewiss. Für den südlich von Lippstadt verlaufenden Hellweg wird angenommen, daß er schon vor den Römern als Fernhandelsweg genutzt wurde.

Fragmente römischer Straßen bei den Römerlagern in Anreppen und Kneblinghausen lassen aber eine rekonstruierte Kreuzung dieser Straßen südlich von Lippstadt bei Erwitte durchaus zu. Hier ist ein Königshof für das 9. Jahrhundert belegt. Eine Verlängerung dieser römischen Straßen zum Ausgangspunkt der augusteischen Eroberung am Rhein ergibt sich rein logisch. Durch eine angenommene Schiffbarmachung[ 1 ] der Lippe durch die Römer hätte die Lippefurt weiter an Attraktivität gewonnen und Schwerlasttransporte ins römische Reich ermöglicht. Aber auch die direkte Umgebung erzeugte begehrte Handelsgüter die als potentielles Handelsgut  für einen möglichen Stapelplatz an der Lippefurt in Frage kämen.

So gibt es Hinweise auf einen frühkaiserzeitlichen Bleibergbau im Sauerland. Abbau in der Umgebung von Brilon und Verarbeitung im Raum Soest sind bis ins 2. Jhd. nachgewiesen[ 3 ]. Die aufstrebenden römischen Kolonien in der römischen Provinz Germania Inferior werden bestimmt dankbare Abnehmer dieses Metalls gewesen sein, daß sie für Ihre Wasserleitungen dringend  benötigten. Isotopenanalysen von Metallfunden beweisen den Transport bis nach Gallien.

In Soest und entlang des Hellweges hat zudem die Salzgewinnung eine noch viel länger zurückreichende Tradition. Der Transport  dieser beiden Handelsgüter war am effektivsten auf dem Wasserweg.

 

 

Abb. 1: Ein Ort Luppia östlich der Weser ?
Abb. 1: Ein Ort Luppia östlich der Weser ?

Erste Nennung Lippstadts als Luppia in der Geographie des Claudius Ptolemaios?

 

Aus historischer Sicht ergibt sich aber ein verblüffender und zugleich umstrittender Hinweis auf eine sehr frühe Besiedlung dieses Ortes.

In der 4. Europa Karte (Magna Germanien) aus der Geographie des griechischen Geographen Claudius Ptolemaios existiert ein Ort namens "Luppia" ( Λουππία ). Da der heutige Name der "Lippe" sowie der römerzeitliche "Lupias" auf die gleichen Ursprünge zurückgehen, ergibt sich also symmetrisch für Lippstadt, das früher auch "Lippe" hieß die gleiche Wortverwandlung für den Ort  "Luppia" aus der Geographie. Demnach hätte dieser antike Ort möglicherweise sogar seinen Namen nie wirklich geändert!

 

Der Westfälische Städteatlas [2] gibt als erste Nennung Lippstadts das 12. Jh. an (Lyppia Bernardi cum oppido suo), geht aber für diese Zeit nur von einem Herrensitz aus. Die ersten Ptolemaios Handschriften erreichten Westeuropa aber erst wesentlich später, so daß diese Nennung nicht durch diese inspiriert zu sein scheint.

 

Die Ptolemaiosforscher sind sich bezüglich der Identifizierung mit Lippstadt aber längst nicht einig. So vertrat Aubrey Diller zwar diese These, zwischenzeitlich wurde sie aber verworfen. Das jüngste Projekt zur Entzerrung der Ptolemaios Koordinaten an der TU-Berlin von Prof. Dr.-Ing. Lelgemann sieht Luppia aufgrund statistischer Berechnungen dagegen bei Bernburg/Saale[5]. Die neu aufgelegte Geographie von  Stückelberger/Graßhoff geht in den Anmerkungen zumindest wieder von einem "Kastell an der Lippe" aus.[6]

 

Das schwerwiegendste Gegenargument gegen eine Gleichsetzung von Luppia mit Lippstadt ist die Tatsache, daß dieser Ort bei Ptolemaios viel zu weit östlich eingetragen ist.

Da der Fluss Lupia/Lippe in dieser Karte fehlt, entfällt auch ein wichtiges weiteres Identifizierungselement. Daraus konstruierten einige Historiker sogar einen Verwechslungsfehler und meinen in den beiden Orten Amisia und Luppia seien in Wirklichkeit die Flüsse Ems/Amasus und Lippe/Lupia zu sehen. Aus der Schreibweise ist aber kein Hinweis zu gewinnen, ob es sich um einen Ort oder einen Fluss handelt. In der folgenden Tabelle sind ähnlich klingende Schreibweisen aus der antiken Literatur gegenübergestellt.

Ähnliche antike Schreibweisen von Orten und Flüssen mit Namen Lupia

Schreibweise Übersetzung Autor Bedeutung
Λουππία Luppia Ptolemaios Geogr.2,11,28 Ort in Germanien
Λουππίαι Lupiae Ptolemaios Geogr.3,1,14 Ort in Kalabrien, heute Lecce
Λουπίας Lupiae Nikolaos von Damaskus,17 Ort in Kalabrien, heute Lecce
Lupia Lupia
Pomponius Mela III,30
Fluss Lippe
Λουπίας Lupias Strabon 7,3 Fluss Lippe
Lupia Lupia Plinius sec. III, 101
Fluss Lippe
Lupia Lupia Tacitus Ann. I, 60 Fluss Lippe

Besonders hervorzuheben ist die Schreibweise Λουπίας die jeweils für den Fluss Lupia/Lippe und den Ort Lupiae/Lecce bezeugt ist. Dazu noch von zwei Schriftstellern, Nikolaos von Damaskus und Strabon, die zur Zeit der rechtsrheinischen römischen Eroberungen in Rom weilten.

Sicherlich wird es so sein, daß dieser Ort in Germanien im Zusammenhang mit einem germanischen Hydronym steht, den dieser Fluß vor Ankunft der Römer getragen hat. Nicht zu unterschätzen ist aber die Tatsache, dass Augustus in der Stadt Lupiae in Kalabrien vom Testament Caesars erfahren hat und dort sein unvergleichlicher Aufstieg zur Macht ihren Anfang nahm. Sicher werden dies seine Feldherren vor Augen gehabt haben, die in Germanien alle aus dem engsten Familienkreis kamen. Ebenso denkbar ist das Drusus oder Tiberius Ihr persönliches Lupiae-Ereignis in Germanien hatten, so daß hier der Ursprung einer Stadt Lupia liegen könnte.

Abb. 2: Reihenfolge der Ortsnennung in der 3. (Gallia Belgica) und 4. (Germania Magna) Europakarte in der Geographie. Die Nummerierung der Klimata ist willkürlich.
Abb. 2: Reihenfolge der Ortsnennung in der 3. (Gallia Belgica) und 4. (Germania Magna) Europakarte in der Geographie. Die Nummerierung der Klimata ist willkürlich.

 

Vermutungen über die Quellen der 4. Europa Karte (Magna Germania)

 

Da Identifizierungen bei Ptolemaios generell, und in der 4. Europa Karte der Germania Magna im Besonderen schwierig sind, muss dort genauer hingeschaut werden.

Schon Caesar definierte den Rhein als Grenze zwischen Kelten und Germanen. Später, nach der Varusniederlage, wurde dieser Fluss auch die offizielle Grenze des Imperium Romanum. Die erhaltenen Aufzeichnungen über das römische Straßennetz gehen deshalb auch nicht nennenswert über diesen Fluss hinaus. Für den rechtsrheinischen Bereich, der niemals zum Imperium Romanum gehörte, sind außer der 4. Europakarte des Ptolemaios keine weiteren detaillierten geographischen Aufzeichnungen erhalten.

 

Durch die Art und Weise wie Ptolemaios seine Provinzen beschreibt, ergeben sich weitere Anhaltspunkte, daß sich diese Unterschiede hinsichtlich der Quantität und Qualität seiner Informationen auch im von ihm benutzten Quellenmaterial niedergeschlagen haben könnte.

 

In den römischen Provinzen ( z.B. Baetica, Gallia Belgica ) werden die Küsten, Grenzen, Städte und Stämme in einem durchgehenden fortlaufenden Strang aufgezählt. In der Beschreibung der Magna Germania geht er einen davon abweichenden Weg.

 

Die Städte werden hier in vier verschiedene Klimazonen unterteilt, wobei jede Klimazone separat beschrieben wird und die Nennung der Städte nach ihrer geographischen Länge von West nach Ost geordnet ist.

Die Stämme hingegen werden von den Orten losgelöst als separater Block ohne konkrete Koordinatenangaben beschrieben. Es fehlen hier also die eindeutigen Bezüge der Stämme zu den in ihren Stammesgebieten gelegenen Orten, wie es z. B. in der 3. Europakarte (Gallia) der Fall ist.

In der Abbildung 2 ist das unterschiedliche Vorgehen anhand einer improvisierten Karte aus Bestandteilen der 3. und 4. Europakarte visualisiert.

 

Die Einteilung nach Klimazonen hat eine lange Tradition bei den griechischen Geographen. Florian Mittenhuber geht deshalb davon aus, daß die Quelle für die Germanienkarte die Aufzeichnungen von Marinos von Tyros sein könnte, wohingegen für die Gebiete links des Rheins eher provinzial römische Quellen zum Zuge gekommen sind.

 

Abb. 3: senkrechter Rheinverlauf und deplatziertes Novaesium
Abb. 3: senkrechter Rheinverlauf und deplatziertes Novaesium

Auffälligkeiten der Rheingrenze bei Ptolemaios


Der Rhein ist bei Ptolemaios nur idealisiert wiedergegeben. Außer den drei Mündungen und der Quelle ist nur der Zusammenfluss von Obrinca und Rhenus mit Koordinaten vermerkt. Dieser Fluss wird als Grenze zwischen den römischen Provinzen Germania Inferior und Germania Superior angesehen. Der Verlauf des Rheins liegt somit größtenteils auf 28° westlicher Länge nach ptolemäischem Koordinatensystem, also streng Nord-Süd ausgerichtet. Insgesamt liegen in direkter Umgebung des Flusses 19 Orte zu beiden Seiten des Flusses die dieser Längenposition mal mehr oder weniger folgen. Von diesen sind die meisten auch als römische Rheinstädten identifiziert worden. Diesem angenommenen antiken Rheinverlauf wurde so vertraut, daß er nicht nur Provinz und Reichsgrenze war, sondern bei Ptolemaios auch den Bereich der 3. und 4. Europakarte voneinander trennte.

 

In der Realität liegen aber zwischen der östlichsten Rheinmündung und dem östlichsten Punkt des Flusses in der Nähe von Mannheim über 170km! Längenunterschied. In diesem Bereich sollten also auch die Längen dieser Rheinorte schwanken. Bei Ptolemaios haben sie aber alle nahezu die identische Länge von ca. 28°.

Ein Längenfehler bei der Vielzahl der Orte kann aber ausgeschlossen werden. Es wird eher so gewesen sein, daß konkrete Längenangaben für die Rheinorte schlichtweg nicht vorlagen. Daß diese Orte am Rhein lagen, ging wahrscheinlich noch aus einem fiktiven römischen Itinerar hervor, das Ptolemaios benutzte. Eine zuverlässige Längenangabe gab es möglicherweise aber nur für Quelle und/oder Mündungen. Die anderen Rheinorte erbten möglicherweise ihre Längenposition aufgrund der Information, daß der Rhein zu seiner östlichen Mündung genau von Süden her strömte. Jedenfalls waren die anderen erhaltenen Beschreibungen Germaniens bei Strabo, Plinius und in der Germania von Tacitus über den Verlauf des Flusses auch nicht ergiebiger. 

Der Rhein könnte also einer der Grundpfeiler themelioi sein, da die an ihn angrenzenden Städte sich bezüglich ihrer geographischen Länge nach seinem Verlauf orientieren. Da man sich weiterhin schwer vorstellen kann, daß weiter östlich zuverlässigere Meßwerte in der Bibliothek von Alexandria schlummerten, wird der Rhein auch möglicherweise weit bis in die Magna Germania hinein als Bezugspunkt gedient haben. Das würde aber bedeuten, daß innerhalb der Germanien Karte Ost-West-Verschiebungen zu erwarten sind, die real um die oben beschriebenen 170km variieren könnten.

 

Weiterhin gravierend ist die Tatsache, daß ausgerechnet der Legionsstandort Neuss/Novaesium, der mit einer über 400 Jahre währenden archäologisch nachgewiesenen römischen Präsenz aufwarten kann, nicht am Rhein verortet ist. Stattdessen existiert drei ptolemäische Längengrade weiter östlich ein Ort Novaesium. Die geographische Breite dieses Ortes liegt südlicher als die Position von Köln, was zusammen mit der übergroßen Längendifferenz zunächst gegen eine Identifizierung mit dem bekannten und in den antiken Schriften oft erwähnten Novaesium spricht.

So bei 

  •  Tacitus Hist 4,26
  •  Ammianus Marcellinus, Res Gestae XVIIII 2,4
  • Tabula Peutingeriana (ca.375)
  •  Gregor von Tours, Historia Francorum II,9

 

Abb. 4: Widersprüchliche Koordinaten für Luppia
Abb. 4: Widersprüchliche Koordinaten für Luppia

Luppia als bedeutende Stadt (Polis Episemoi )

 

Der Ort Luppia in der 4. Europakarte ist nicht nur einer von 92 dort genannten Orten, sondern wird zusätzlich auch als bedeutende Stadt (Polis Episemoi) gekennzeichnet. Diese Liste bedeutender Städte enthält ca. 355 Orte die sich über die gesamte Oikumene verteilen.

Dieses Luppia in Germanien steht also in einer Liste zusammen mit noch heute sehr bekannten und zu ihrer Zeit bedeutenden Städten wie:

Roma( Rom), Carthago Nova(Cartagena), Tarraco(Tarragona), Londinium(London), Ninive(bei Mosul), Alexandreia(Alexandria), Damaskos(Damaskus), Persepolis(Persepolis), Massilia(Marseille), Kabura(Kabul)

 

Sicherlich wird Luppia nicht von Anfang an Bestandteil dieser wahrscheinlich sehr alten Liste gewesen sein. Vielmehr wurde vermutlich versucht für jede Provinz mindestens eine für sie bedeutende Metropole herauszustellen. Zu einem Zeitpunkt in der Geschichte muß dieses Luppia in Germanien also zumindest gegenüber allen anderen Orten in der Magna Germania etwas Herausragendes gehabt haben. Für die linksrheinischen römischen Kolonien zum Beispiel galt das scheinbar nicht. Bedeutende Städte im Sinne der Polis Episemoi der 3. Europakarte waren Gesoriacum(Boulogne-sur-Mer) , Durocortorum(Reims) oder Lugdunum(Lyon).

Aber eben nicht Batavodurum(Nijmegen), Colonia Agrippinensis(Köln) , Augusta Treverorum(Trier) oder Mogontiacum(Mainz).

Man wird aber wohl nicht annehmen dürfen, daß dieses Luppia aufgrund seiner Nennung als Polis Episemoi in seiner urbanen Bedeutung größer  war als das damalige Köln oder Trier.

Herausragend war möglicherweise allein die Tatsache, daß das Quellenmaterial zur Positionsbestimmung dieses Ortes gegenüber allen anderen der Provinz die höchste Qualität hatte. Eine These, die ich hinsichtlich der angenommenen Intention der Canones procheroi, zu denen die Polis Episemoi gehörten, als "hilfreiche Handtafeln für den Astronomen zur Ermittlung der für einen Ort eintretenden Himmelserscheinungen", wie Ptolemaios selber sagt, für wahrscheinlicher erachte.

 

Die Breitenwerte Luppias im 8. Buch der Geographie widersprechen denen im 2. Buch sowie jenen in der Kanonliste. Die Abweichungen sind so groß, daß sie sogar das übliche Maß der tradierten fehleranfälligen Koordinaten übersteigen. So liegen zwei überlieferte Breitenangaben des 8. Buches jeweils zuweit nördlich bzw. südlich der Werte aus dem Ortskatalog (Abb. 4). Die Differenz von 1°17' entsprechen nach heutiger Einteilung einer Strecke von ca. 140km!. Die verschiedenen Handschriften lassen Verschreibungen bei der Überlieferung nicht erkennen. Eine übergroße Differenz bei der Rückrechnung von Stundenwerten in Grad scheint auch unwahrscheinlich, da diese Umrechnungen bei den polis episemoi ansonsten sehr präzise bei den Gradangaben der 2. Buches liegen und es sich um zwei Verrechnungen handeln müßte, die unabhängig voneinander in die Schriften eingegangen wären. Möglicherweise deutet dieser Fehler auf Probleme bei der Interpretation einer älteren Quelle hin. So gibt es bei einen zweiten bedeutenden Ort in der Germanien Karte Hinweise auf nachträgliche Korrekturen der Breitenwerte. Der Ort Amisia, auf der 4. Europakarte, ist ebenfalls Bestandteil des Kanons bedeutender Städte. Die überlieferten Koordinaten sind sowohl im 2. und 8.Buch der Geographie wie auch in der Kanonliste nahezu identisch. Und doch kann man durch seine Nennung im 2. Buch der Geographie in der zweiten Klimazone sehen, daß hier möglicherweise ein ursprünglicher Breitenwert manipuliert wurde. Denn mit einem Breitenwert von 51° gehört Amisia eigentlich in die dritte Klimazone.(Siehe Abb.2)

Man könnte also darüber spekulieren, daß Ptolemaios eine zweite Quelle mit abweichenden Breitenwerten zumindest für die polis episemoi Luppia und Amisia hatte, und ob diese Quelle eventuell sogar ausschlaggebend war genau diese beiden Städte aus der Menge der anderen Orte in Germanien herauszuheben.

Für eine Gleichsetzung Luppia=Lippstadt helfen diese Erkenntnisse nur indirekt, denn das Hauptproblem hier sind nicht abweichenden Breiten sondern Längenangaben. Es gibt aber Indizien dafür, daß Luppia und Amisia im 2. Jhd. durchaus auf ihre Art bedeutend gewesen sein könnten und mehr darstellten als ein beliebiger Ort in der Magna Germania.

Abb. 5: Der Luppia Komplex
Abb. 5: Der Luppia Komplex

 

Die Umgebung von Luppia

 

In der direkten Nachbarschaft von Luppia sind weitere Toponyme die nicht an den Ort zu passen scheinen an den Ptolemaios sie in die 4. Europakarte gesetzt hat.

  • Den Stamm der Cherusker vermutet man zwar heute auch zwischen Weser und Elbe, aber Velleius Paterculus 2,105 und Cassius Dio 54,33. sehen ihr Siedlungsgebiet auch westlich der Weser.
  • Ebenfalls in Elbnähe setzt Ptolemaios die Chatten und Tubanten. Beide werden definitiv weiter westlich vermutet. Die Chatten sieht man eher im heutigen Hessen und die Tubanten werden 14 n. Chr. den Marsern nicht von der Elbe her zur Hilfe geeilt sein (Tacitus Annalen 1, 51).
  • Sehr rätselhaft ist das westlich von Luppia gelegene sogenannte Tropaea Drusi am Fluss Visurgis. So ist in der antiken Überlieferung zwar  von einem Altar des Drusus an einem Kastell an der Lupia/Lippe die Rede, aber ein Tropaeum im Sinne eines Siegesdenkmals wird im Zusammenhang mit der Weser nicht erwähnt. Ein Tropaeum in Form eines Tumulus wurde von Drusus nach dem Sieg über die Markomannen, wahrscheinlich in Südhessen errichtet. [7] Ein weiteres nach der Schlacht von Arbalo, die definitiv nicht an der Weser, sondern auf dem Rückmarsch von diesem Fluss stattfand [8]. Dieses Siegesdenkmal wird unmittelbar vor der Errichtung zweier Festungen durch Drusus erwähnt. In dem Legionslager Oberaden sieht man heute eine dieser Festungen. Somit wäre ein Tropaeum des Drusus an der Lippe durchaus konstruierbar.
  • Das Melibocum Gebirge wird als das Wiehengebirge oder als der Harz angesehen. Unter der Prämisse, daß Luppia/Lippstadt durch Ptolemaios zu weit östlich verortet wurde, könnte es sich dabei aber ursprünglich auch um den Haarstrang gehandelt haben.
  • Unter Berücksichtigung der Erdkrümmung läßt sich auf der 4. Europakarte von Luppia aus über Novaesium eine Gerade bis genau nach Augusta Treverorum/Trier konstruieren.( Zum eigenhändigen Nachvollziehen steht weiter unten eine GoogleEarth Datei zum Download bereit). Dabei muß man Ptolemaios nicht einmal die Kenntnis und Benutzung von sphärischer Trigonometrie unterstellen, denn diese Gerade erscheint auch in seiner erdähnlicheren 1. Projektion.

 

Abb. 6: Die Burg Mark, vormals ein Tropaeum  des Drusus ?
Abb. 6: Die Burg Mark, vormals ein Tropaeum des Drusus ?

Interpretation und Schlußfolgerung

 

Durch die gemeinsame Verschiebung der Toponyme Luppia, Tropaea Drusi, Cherusker, Tubanten und evtl. Melibocum Gebirge um etwa 3° nach Westen läßt sich eine mit dem heutigen rekonstruierten Bild des damaligen Germanien eine plausiblere Karte erstellen. Es gibt darüberhinaus in ähnlicher Entfernung von Lippstadt wie das Tropaea Drusi von Luppia entfernt ist, ein von Menschenhand errichteten Tumulus. Die Hauptburg der Burg Mark steht auf einem kreisrunden und heute noch fast 7m hohen Tumulus. Es könnte also möglich sein, daß diese große Motte aus einem antiken Vorgängerbau entstanden ist. 

 

Aufgrund der Strecke Augusta Treverorum-Novaesium-Luppia könnte man auch das deplatzierte Novaesium bei Ptolemaios erklären. Sollte Luppia mit Lippstadt identisch sein, dann ist eine Anbindung an das linksrheinische Territorium über den Hellweg bis nach Novaesium/Neuss plausibel. Es könnte also über einen fiktiven Reisebericht  eines griechisch/römischen Händlers aus Trier spekuliert werden, der über Novaesium nach Luppia aufbrach um Blei oder Salz einzukaufen. Dieser Händler hat weiterhin die Umgebung von Luppia sehr genau beschrieben. Auf der Rückreise mit einem Lastprahm auf der Lippe hat er dann das Tropaeum des Drusus bei Hamm gesehen.

Möglicherweise fehlte Ptolemaios die Information, ob oder wo genau Novaesium am Rhein lag. Als Indiz kann man die durcheinander geratene Reihenfolge der Rheinstädte am Oberlauf sehen. Von Norden nach Süden zählt er dort zuerst Mogontiacum/Mainz, Noviomagus/SpeyerBorbetomagus/Worms auf, statt richtiger Mainz, Worms, Speyer. Für die Positionierung von Luppia hatte er, wie wahrscheinlich auch in Britannien, nur einen stark abweichenden Längenwert. Um aber eine Verbindung zwischen dem linksrheinischen Trier zum rechtsrheinischen Luppia zu schaffen, blieb aufgrund der Entfernungsangaben nur noch eine Gerade um Novaesium zu positionieren.

Es besteht weiterhin die Möglichkeit, daß weitere Toponyme auch von dieser Verschiebung betroffen waren. So könnte das nordwestlich gelegene Ascalingion mit dem heutigen Lingen in Niedersachsen identisch und durch den gleichen Längenfehler zu weit östlich gelandet sein. In Lingen sind in letzter Zeit wohl auch dazu passende römische Münzfunde gemacht worden. Das Melibocum Gebirge könnte dagegen auch wirklich der Harz und somit korrekt positioniert sein.

 

 

Google Earth Datei zum Luppia-Komplex
Um diese Datei benutzen zu können, müssen Sie GoogleEarth installiert haben. Die Karten sind aufgrund der Verzerrungen bei Ptolemaios nur grob eingepaßt. Man kann aber unter Berücksichtigung der Erdkrümmung bei GoogleEarth dennoch die gerade Strecke durch Luppia, Novaesium und Augusta Treverorum erkennen.
Luppia.zip
Komprimiertes Archiv im ZIP Format 1.6 MB

Quellenverweise:

 

[ 1 ] Die Nutzung des Wasserweges zur Versorgung der römischen Militärlager an der Lippe, E. Bremer , Geogr. Kommission für Westfalen 2001

[ 2 ] Westfälischer Städteatlas Lieferung III

[ 3 ] Archäometallurgische Untersuchungen zur Blei-/Silbergewinnung im Germanien der frühen Römischen Kaiserzeit, Michael Bode 2008

[ 5 ] Germania und die Insel Thule: Die Entschlüsselung von Ptolemaios' "Atlas der Oikumene" von Kleineberg, Marx, Knobloch und Lelgemann 2010

[ 6 ] Ptolemaios: Handbuch der Geographie, Stückelberger, Graßhoff

[ 7 ] Lucius Annaeus Florus, Epitome de Tito Livio 2, 30, 23

[ 8 ] Cassius Dio: Historia Romana, 54, 33

[ 9 ] Nikolaos von Damaskus: Leben des Augustus, 17

Erstellt: November 2011

Letzte Änderung: November 2011